Joseph Cardijn: Herkunft, Leben und Werk

Kindheit und Jugend

cardijngedAm 13. November 1882 bekommt das Hausmeisterehepaar Cardijn in Schaerbeek (Brüssel) das zweite Kind: Joseph. Es sind „kleine Leute“ und sie bleiben es. Der Versuch des Vaters, in Hal (Brabant) eine Kohlenhandlung zu betreiben, scheitert später, die Mutter wird einen Ausschank eröffnen. Joseph zieht als Kind den Kohlenwagen durch die Straßen. So bleibt ihm das Schicksal anderer Kinder erspart, die manchmal in der Nachtschicht, manchmal vierzehn Stunden am Tag arbeiten müssen. Er erfährt als aufgeweckter Junge auch von Streiks in den Kohlegruben, die von der Polizei niedergeschlagen werden. Seine Familie ist tief fromm, und so geht er mit seinem Vater zu den Versammlungen der christlichen Sozialisten.

 

Wie alles begann

Als die Frage auftaucht, ob er nach dem zweiten Jahr der höheren Schule in Hal eine Arbeitstelle suchen soll, erklärt er seinen Eltern, er wolle Priester werden. Die Eltern schränken sich dann eben noch mehr ein, aber die Freude ist groß. So kann er 1897 ins Seminar in Malines eintreten: seine Studienkameraden kommen aus dem Bürgertum, seien ehemaligen Spielkameraden sind nun Fabrikarbeiter und Handwerker. Sie verdächtigen den „kleinen Pfarrer“, zu den Kapitalisten zu halten. Er spürt das erste Mal „einen Dolch im Herzen“: die Triebfeder für sein Werk, wie er später sagen wird. Joseph engagiert sich in kleinen Gesprächskreisen, die die verdächtige modernistische Theologie diskutieren, aber auch soziale Fragen. Das wird natürlich bekannt, und so trifft der Wunsch des 1906 zum Priester Geweihten, am „Institut für Politische und Soziale Wissenschaften“ in Löwen studieren zu dürfen, zunächst auf Skepsis. Aber er kann Kardinal Mercier überzeugen. Allerdings muss er anschließend in einem bischöflichen Gymnasium Lehrer sein. Sein soziales Interesse lässt sich aber nicht bremsen. In den Ferien reist er nach England, Frankreich und Deutschland, besucht Fabriken und Arbeiterführer, trifft Carl Sonnenschein und Abbe´Six und berichtet den erstaunten und ängstlichen Kollegen von den Arbeiterversammlungen im Hyde Park in London.

Cardijn und die „göttliche Segnung der ganzen Arbeiterschaft“

Nach fünf Jahren (1912) äußerte sich die Unzufriedenheit mit dem Lehrersein in einer Rippenfellentzündung. Er wird Vikar in Laeken. Innerhalb kürzester Zeit  hat der kränkliche Vikar soziale Studienkreise gebildet, in denen jung Arbeiterinnen ihre

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täglichen Probleme diskutieren, analysieren und sie verändern, soweit das in den Konflikten mit dem Vermieter, dem Arbeitgeber, den Behörden, den Krankenkassen möglich ist. Hier werden die Anfänge dessen geprobt, was später zum Prinzip der CAJ werden wird: Sehen, Urteilen, Handeln. Ausgehend von den Alltagsproblemen wird in kleinen Gesprächskreisen berichtet, wird versucht, die Gründe zu erforschen und werden Aktionen geplant, die die Umwelt verändern sollen. In den 30er Jahren wird dann in der französischen CAJ die Methode des „lebendigen Evangeliums“ und der „Revision de vie“ entstehen: Die Realität des Lebens wird mit dem Evangelium in Beziehung gebracht. Denn Cardijn wusste: „Eure tägliche Arbeit ist das 5. Evangelium“

Cardijns Christliche Gewerkschaftsjugend

Cardijn wird bekannt. Als 35jähriger erhält er die Leitung der kirchlichen Sozialverbände Brüssel. Es ist Krieg. Belgien wird von Deutschland überfallen. Cardijn predigt: Das ist Unrecht; wer mit Deutschen zusammenarbeitet begeht ein Verbrechen. Ein Jahr später protestiert er im Namen von 130.000 christlichen Gewerkschaftern gegen die Verschleppung belgischer Arbeiter nach Deutschland. Sieben Monate Gefängnis sind die Folge. Wieder frei, arbeitet er für die alliierte Spionage und wird erneut verhaftet. Das Kriegsende bewahrt ihn vor zehn Jahren Zwangsarbeit.

Aber auch die Friedenszeiten bleiben nicht ruhig. Unter Protest zieht er mit seiner „Gewerkschaftsjugend“ aus einem Haus aus, das Politiker der katholischen Partei gegründet hatten. Aus dieser Zeit stammt ein Brief, der anzeigt, was Cardijn zu einem einflussreichen Teilnehmer des II. Vatikanischen Konzils machen wird: sein Glaube an das Laienapostolat. „Noch eins: Eine wirklich selbstständige Gruppe ist Sache der Jugend, keine Bevormundung... Es soll sich kein Vikar, kein Pfarrer darüber hinwegtäuschen.“ Denn er wusste: „Damit aber verwandeln sich zugleich auch die verschienen weltlichen Milieus in Tempel Gottes, in denen das ganze Leben des Laien wirklich Gott verherrlicht.“

Aber diese selbstbewusste christliche Gewerkschaftsjugend sitzt zwischen allen Stühlen. Die Bischöfe sind auf das Wohlwollen des katholischen Besitzbürgertums angewiesen, um ihre caritativen Werke erhalten zu können, und die Sozialisten haben eine Alleinvertretungsanspruch für die Arbeiterschaft: „Rot oder kein Brot.“ Auch der Verband der belgischen katholischen Jugend, der 1921 offiziell anerkannt wurde, ist misstrauisch: er will alle Jugendlichen ohne Rücksicht auf soziale Herkunft einen.

Kirchliche Berührungsängste und Ihre Überwindung

jungercardijnAber Cardijn weiß, was er will. 1924 kommen 56 wallonische Priester zusammen. Sie beschließen: Eine selbstständige, weltweite, apostolische und erzieherische Bewegung ist notwendig. Sie soll nach den Statuten der CAJ, der Christlichen Arbeiterjugend, aufgebaut werden. So war kurz zuvor der Name der christlichen Gewerkschaftsjugend geändert worden. 1925 ist Heiliges Jahr. Cardijn ist in Rom und dringt bis zu Pius XI. vor. Dieser versteht ihn: „Ich gebe der Bewegung nicht nur meinen Segen, sonder ich wünsche sie, ich mache sie zu der meinigen.“ Und der Papst, der zu Cardijn vom Skandal des Verlustes der Arbeiterschaft gesprochen hat, wird in seiner Sozialenzyklia ´Quadragesimo anno´ (1931) die Idee der CAJ erwähnen: „Die ersten und nächsten Apostel unter der Arbeiterschaft müssen die Arbeiter sein.“

Die kirchliche Zustimmung ist damit nicht mehr aufzuhalten. 1925 erkennen die belgischen Bischöfe die CAJ an, Cardijn wird Generalkaplan. Andere europäische Länder folgen. Cardijn ist fast jedes Jahr in Rom bei Pius XI., 1929 mit 500 belgischen CAJlern. Der Papst sagte ihnen: “Ich halte die CAJler für Missionare!“ 1935 feiert die belgische CAJ ihr zehnjähriges Bestehen. 100.000 junge Leute aus 20 Ländern sind da. Vor 80.000 französischen CAJlern ruft Cardijn zwei Jahre später: „Christus braucht Apostel, um die Arbeit eures Landes zu retten... Christus braucht Heilige!“

Kriegs- und Nachkriegszeit

1939 Überfallen die Deutschen zum zweiten Mal Belgien. Cardijn geht 1940 nach Frankreich zu den geflohenen Belgiern. Dort wird er 1942 von der Gestapo beschattet, der subversiven Tätigkeit angeklagt und verhaftet. Im Gefängnis plant er mit dem Präsident der Jungen Sozialistischen Garde Zusammenarbeit für die Zeit danach. Nach ein paar Monaten ist er wieder frei. Später taucht er unter, da er erneut gesucht wird.

Nach dem 2. Weltkrieg bereist Cardijn die ganze Welt. Überall will er die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen zu Aposteln machen. Er ist überzeugt, dass die Kirche ohne die Arbeiterschaft nicht die Kirche Christi ist. 1947 entsteht die deutsche CAJ, nachdem junge Leute in den Kriegsgefangenenlagern von der Bewegung gehört hatten: in Essen, Aachen und Ludwigshafen sind die Anfänge. 1950 ist die belgische CAJ 25 Jahre alt. Aus 52 Ländern kommen mehr als 100.000 Jugendliche nach Brüssel. Cardijn ruft ihnen zu: „Erinnert euch an die Worte des Herrn: Vater ich danke dir, dass du dich den Kleinen und Demütigen offenbart hast, den Großen und Stolzen aber verborgen hältst. Und wenn ihr die Kirchengeschichte studiert, könnt ihr immer wieder feststellen, dass es die Kleinen waren, die die Kirche groß gemacht haben!“ Aber es fällt ein Schatten auf dieses Jubiläum: Pius XII. hatte eine Radiobotschaft gesandt, in der er die CAJ auffordert, etwas zurückhaltender zu sein. Er warnt die verantwortlichen Leiter vor dem Klassenkampf. Erst ein wissenschaftlicher Kongress mit treuen Freunden kann diesen Verdacht entkräften.

Sein Anliegen: das Apostolat der Laien

Voll drängender Kraft legt er in den nächsten Jahren Hunderttausende von Kilometern zurück. Seine Begeisterungsfähigkeit, sein ungestümes Temperament und seine Liebe zur Jugend stecken überall an. Er ist einer der Mitanreger für die Enzyklika ´Mater et magistra´; er versucht, im Leben der CAJ Ökumene und Offenheit zu nichtchristlichen Religionen zu praktizieren. In der Vorbereitungskommission für das Laienapostolat des II. Vaticanums wirkt er entscheidend mit: 25 schriftliche Eingaben stammen von ihm. Und seine Vorstellungen von Laienapostolat setzen sich durch: Der Weltdienst der Laien in den eigenständigen Sachbereichen wird zur Grundaussage der entsprechenden Dekrete ´Lumen Gentium´ und ´Gaudium et spes´. Nun aber spürt er seine Kraft schwinden. Im Januar 1965 bietet er seinen Rücktritt an. Paul VI., den er schon als Staatssekretär immer wieder besucht hatte, akzeptiert und antwortet mit dem Kardinalshut. Cardijn ist entsetzt: „Schließlich meint man noch, der liebe Gott persönlich zu sein, weil man rot angezogen ist.“ Aber kann ja dann noch mehr für die Arbeiterjungend tun, und er ist zutiefst gerührt, als er 1966 einen ehemaligen CAJler zum Priester weihen kann.

Im Juni 1967 wird er schwer krank. Sein letzter Brief geht an Paul VI.: „Bis zu meinem letzten Atemzug will ich für das Wohl der Arbeiterjugend in der ganzen Welt weiterschaffen!“ Eine Nierensteinoperation verschafft ihm nur kurzzeitige Erleichterung. AM 24. Juli 1967 stirbt er. Kurz vor Mitternacht hatte er der Schwester gesagt: „Danke Schwester, ich brauche nichts, es ist alles gut so....“

rednercardijnEr hatte sich verzehrt im Dienst für die jungen Arbeiterinnen und Arbeiter. Das Geheimnis seines Lebens als Priester nennt er selbst: „Alles kommt darauf an, das wir das Laientum auch in seinen tiefgreifendsten Forderungen ohne Abstrich entschlossen bejahen. Denen aber, die zögern, die Angst haben vor den Laien – oder besser gesagt: vor mündigen Laien -, rufe ich zu: Sie müssen daran glauben, ganz loyal daran glauben! Der Glaube ist die erste Bedingung, die eine Erweckung apostolisch gesinnter Laien überhaupt möglich macht. Ein Glaube, verbunden mit einem Vertrauen in das Gnadenwirken des Heiligen Geistes und auf die Liebe, die er in jedes Menschenherz ausgegossen hat... Es ist ja auch kein anderes Geheimnis als das der Kirche, die alle ihre Söhne im Namen Christi ruft, ihre Sendung, die einzige Sendung zu übernehmen und zu erfüllen.“